Sophie Scholl Biographie

Von Barbara Beuys

Buch, Gebundene Ausgabe, 493 Seiten, 3. Auflage
Erschienen: 8. Februar 2010
Sprache: Deutsch
Herausgeber: Hanser
Verkaufsrang: 66877 (je kleiner desto beliebter)
EAN/ISBN: 9783446235052
ISBN-10: 3446235051
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Sophie Scholl Biographie
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Historisch-biografischer Volltreffer (5 von 5 Punkten) schreibt S.
Barbara Beuys komponiert durch den Mix von Historie und subjektiver Sensibilität in authentischen Dokumenten
und Selbstzeugnissen von Sophie Scholl ein differenziertes Gesamtbild .Sprachlich brillant formuliert lädt
das Buch ein in das Seelenleben der jungen Frau einzutauchen. Ein Muss für neugierige ,geschichtlich Interessierte die die Person Sophie Scholl als Kind ihrer Zeit verstehen wollen.

Schade... (4 von 5 Punkten) schreibt J.K. aus Kaufbeuren
Sophie Scholl (1921 - 1943) zählt zu den Lichtgestalten in der Finsternis des Faschismus; die Weiße Rose ist der Gegenentwurf zum braunen Schmutz der Nazi-Ideologie. Deshalb verdient diese einfühlsame und gescheite Biographie unser uneingeschränktes Interesse; es geht um das Drama des Erwachsenwerdens, um die Suche nach dem eigenen Weg, um die faszinierende Umkehr der jugendlichen NS-Führerin zur mutigen Widerstandskämpferin. Doch nach der aufmerksamen Lektüre legt der kundige Leser dieses Buch beiseite und seufzt: Schade, es wäre ein wahrhaft großartiges Buch geworden, wäre die Autorin nicht der Versuchung erlegen, aus Sophie Scholl eine Vorzeigeprotestantin zu machen. Die konfessionalistische Engführung wirkt störend. So fällt es nicht leicht, eine Rezension zu schreiben - eine kontroverstheologische Polemik drängt sich auf. Ich will den Streit um die Sache und um die Wahrheit nicht ausklammern.

Der Lieblingsgegner von Autorin Barbara Beuys ist der dezidierte Jungkatholik Otl Aicher; denn laut Beuys ging es ihm "nie um Schönheit, immer nur um Wahrheit - im christlich-katholischen Sinn." Sie hält ihm sogar vor, dass er "alles Protestantische" von Sophie Scholl fern hielt. Die Frage sei erlaubt: War Sophie Scholl wirklich so unmündig, um sich von Otl Aicher bevormunden zu lassen? Oder weiß Beuys nicht, dass in Carl Muths Zeitschrift "Hochland" das Thema "Begegnung der Konfessionen" immer wieder aufgegriffen wurde? Entscheidend ist freilich, dass Otl Aicher seiner Weggefährtin Sophie Scholl den Weg zu Augustinus, dem leidenschaftlichen Gottsucher, eröffnete.

Nach meiner Deutung ist Karfreitag 1941 der Umschlagspunkt in der Lebensgeschichte von Sophie Scholl: "Heute abend (...) sah ich durch's Fenster den Abendhimmel. Da fiel mir plötzlich ein, daß Karfreitag war. Der so seltsam ferne, gleichmütige Himmel machte mich traurig. Oder die vielen lachenden Menschen, die so beziehungslos zu dem Himmel waren." Barbara Beuys sieht nicht, wie dieses innere Erlebnis für Sophie Scholl die entscheidende Wende markiert, wenn sie kommentiert: "Aber jetzt sind Gefühle fehl am Platz. Disziplin ist angesagt und Beschäftigung mit den heiligen Texten." Indes: Disziplin und Lektüre allein beschäftigen den Geist nur, sie formen ihn nicht. So ist Sophie Scholl auf der Suche nach den Spuren des Göttlichen. Am 4. November 1941 schreibt sie in ihr Tagebuch: "Ich war Samstag nachmittag in der Kirche. (...) Es war ganz leer. Es ist eine kleine bunte Kapelle. Ich versuchte zu beten. Ich kniete hin und versuchte zu beten." Am 12. Dezember 1941 beginnt sie ihre Tagebuchnotiz mit Psalm 13: "Gib Licht meinen Augen, oder ich entschlafe des Todes..." Die Epiphanie an Karfreitag 1941, so denke ich, war für Sophie Scholl nicht nur ein punktuelles Ereignis, sondern es begann damit auch ein mühsamer Weg. Hier gelingen Barbara Beuys immer wieder großartige Sätze, wenn sie diese quälende Sinnsuche von Sophie Scholl auf den Punkt bringt: "Sophie Scholl wird gebeutelt vom uralten Dualismus zwischen Geist und Fleisch, Leib und Seele, Verstand und Herz."

Aufschlussreich ist das Kapitel über die Bewegung "renouveau catholique", zu der u.a. Schriftsteller und Gelehrte wie Georges Bernanos, Paul Claudel, Francis Jammes und Jacques Maritain gehörten. Im Juni 1940 konnte Hans Scholl in Frankreich die beiden Bernanos-Bücher "Sous le soleil..." und "Journal d'un curé de campagne" erwerben. Monate später schlug er die deutsche Bernanos-Ausgabe "Tagebuch eines Landpfarrers" zur gemeinsamen Lektüre vor. Hier bauten nun Otl Aicher und die Geschwister Scholl an einer gemeinsamen tragfähigen Brücke des Geistes gegen den Ungeist ihrer Zeit. Die folgenden Beuys-Sätze freilich müssen in Gänze zitiert werden; denn sie schreibt: "Dafür wird der Schluss von >Tagebuch eines Landpfarrers< dem protestantischen Glaubensverständnis der Scholl-Geschwister sehr vertraut gewesen sein. Der schwerkranke Landpfarrer, der das Böse als eine mächtige und reale Kraft erlebte und mit Gebet und Demut bekämpfte, nimmt alle Kraft zusammen, um mit seinen letzten Worten die Summe seines Lebens und Sterbens zu ziehen: >Alles ist Gnade.< Martin Luther hätte es nicht besser sagen können." Man hält beim Lesen inne und wünscht sich, Autorin Beuys würde mitunter ihre Quellen angeben! Vernehmlich gesagt: >Tout c'est la grace< - das ist Wort für Wort die Summe des Glaubens der katholischen Heiligen Thérèse de Lisieux (1873 - 1897). Georges Bernanos war mit ihrer Lebensgeschichte sehr vertraut; mehrfach hatte er ihre Autobiographie "Histoire d'une âme" gelesen. Mit dem Schlusssatz seines "Tagebuchs eines Landpfarrers" nahm er explizit Bezug auf diesen berühmten Satz seiner Lieblingsheiligen.

Immer wieder stören Fehler, wenn Beuys Wertungen über die christlichen Konfessionen abgibt. So heißt es über Theodor Haecker, dass er nach seiner Konversion zum Katholizismus 1921 Kierkegaard übersetzte. Richtig ist vielmehr, dass Haecker ab 1921 überwiegend Bücher von John Henry Newman ins Deutsche übertrug. Schon seit 1913 hatte Haecker nachweislich Kierkegaard übersetzt. Der Überschritt Theodor Haeckers von der feurigen Leidenschaft eines Kierkegaard hin zur reifen Besonnenheit eines John Henry Newman muss Barbara Beuys fremd bleiben.

"Der ferne, der verborgene Gott wurde zur Grundlage von Luthers Glauben und Theologie" - auch in diesen Kontext wird Sophie Scholls Gläubigkeit gestellt; dabei wird freilich die Dialektik von Nähe und Ferne übergangen. Es wird zwar Carl Muth zitiert, der am 2. Januar 1942 über Sophie Scholl und das Grabtuch von Turin schreibt. "Noch nie hat sich ein Betrachter so vertieft, wie heute Sophie Scholl. Sie scheint ein sehr innerliches und ernstes Mädchen zu sein." Aber Sophie Scholls eigene Worte werden dem Leser vorenthalten; denn sie wunderte sich ihrem Bruder Hans gegenüber, "dass das Bild nicht mehr Aufsehen erregt." Sie fuhr fort: "Denn ein Christ muss doch darin Gottes Angesicht sehen, mit leiblichen Augen. Das ist ungeheuer." Ja, es ist ungeheuer, wenn hier ein Originalzitat einfach beiseite geschoben wird, wenn es nicht ins vorgefertigte Bild passt. Sophies Jugendfreundin Susanne Hirzel erinnert sich so: "Sie war mit den Jahren beinahe katholisch geworden, so überkandidelt religiös, sonst hätte sie das auch nicht machen können." Wenn Beuys die ungeschützte These vertritt, dass kaum ein Theologe Augustinus so beim Wort genommen hat wie Martin Luther, dann hält man beim Lesen wiederum inne. Die "Bekenntnisse" des Augustinus sind ein Dokument der Innenschau; er hatte gute Gründe, vor dem Abgrund der eigenen Seele zurückzuschrecken. Aufgrund dieser Einsicht war die Kirche für Augustinus das Volk und das Haus Gottes; sie konnte den Absturz in den eigenen Seelengrund bannen.

Für den historisch gebildeten Leser wäre es hilfreich, hätte Beuys auch ihre Quellen angegeben. Zwar wird im Anhang eine sehr umfangreiche Literaturliste angeführt, aber es ist offenkundig, dass sich die Autorin nur in Ausnahmefällen damit auch befasste. Es bleibt mein Fazit: Schade! Eine einzigartige Chance wurde leider vergeben...


Umfassendes, genaues Bild einer Widerstands-Ikone (4 von 5 Punkten) schreibt m.
Über kaum eine andere Widerstandsgruppe gibt es so viel Literatur wie über die Weiße Rose, jene Gruppe Münchner Studenten, die 1942/43 mit Flugblättern gegen das Nazi-Regime aufriefe und deren Köpfe mit dem Leben bezahlten.
Besonders Sophie Scholl nimmt bei den Darstellungen oft eine besondere Rolle ein und die Anzahl der Bücher über diese außergewöhnliche junge Frau nimmt weiter zu. Nun legt Barbara Beuys eine neue, umfassende Biographie auf, die versucht die Person Sophie vom Mythos Sophie Scholl zu befreien und als vielfältige und sich entwickelnde Persönlichkeit darzustellen.

Beuys geht hierbei, biographie-typisch, chronologisch vor, beginnend mit den Hintergründen der Eltern Scholl und beleuchtet nicht nur Sophie Scholl im Detail, sondern auch den Geschwisterbund bestehend aus den beiden Ältesten Inge und Hans, sowie Elisabeth und Werner. Was für einen Einfluss dieser Bund auf die Persönlichkeit und Entwicklung Sophie und Hans Scholls nimmt, wird deutlich.
Ein sehr großer Teil des Buches wird auch der Karriere der Scholl-Geschwister in den Nazi-Institutionen BDM und HJ gewidmet, sowie die Entwicklung der Einstellung jener zum Regime, das von anfänglicher Begeisterung langsam über die Jahre hinweg in Skepsis und schließlich Widerstand mündet. Beuys widerlegt damit die weiter vorherrschende Meinung, die Scholl-Geschwister hätten bereits Mitte der 30er Jahre den Bezug zum Regime verloren. Dass, im Gegenteil alle Scholls lange sehr aktiv in den Jugendvereinen waren, wird ebenso wenig verschwiegen, wie die Spannungen im Haushalt Scholl zwischen den Eltern und Kindern aufgrund der anfänglichen Treue zum Nationalsozialismus.
Belegt mit Tagebucheinträgen und vielen Zitaten aus dem regen Briefwechsel, der zwischen den erwachsenen Geschwistern, ihren Freunden und den Eltern mit ihren Kindern bestand zeichnet Beuys das Bild eines Mädchens, das langsam zu sich selbst findet und besonders im Alter von 17-21 Jahren das Leben einer erstaunlich modernen Frau führt, die sich nicht allen Konventionen anpasst.
Schade allerdings ist, dass Beuys, obwohl sie als eine der Ersten Zugang zu den privaten Auszeichnungen Sophie Scholls und ihrer Geschwister bekam, weniger Sophie selbst zu Wort kommen lässt, als ihre ältere Schwester Inge, um ihre Thesen zu unterstützen.

Ein bisher weniger in der Literatur beachteter Aspekt, findet ebenso in dieser Biographie sehr große Beachtung: die Religiösität der Geschwister Scholl. Die eigentlich evangelisch, aber nicht streng erzogenen Geschwister werden durch die Freundschaft zu Otl Aicher alle mit dem katholischen Glauben vertraut und beginnen sich dafür zu interessieren und in ihrem Leben anzuwenden (jedoch ohne jemals überzutreten). Wie dies in die Beziehungen der Geschwister untereinander und auch in der Beziehung Sophie Scholls zu ihrem Freund Fritz Hartnagel wirkt ist ein wenig bekannter Aspekt der Persönlichkeit Sophie Scholl, der manchem Leser vielleicht zu dominant in Teilen des Buches erscheinen mag.

Der letzte Teil des Buches befasst sich mit den Ereignissen der Jahre 1942/43, der Entstehung der Idee zum Widerstand, dessen Ausführung und die Rolle, die die in München eher als ruhige Studentin bekannte Sophie Scholl in der Weißen Rose spielt. Dies wird ebenso detailreich beschrieben, wie die letzten Tage der verhafteten Geschwister Scholl und ihrer Mitstreiter.

Beuys zeichnet ein nicht ganz neues, aber doch vielfältigeres und vor allem genaues Bild dieser Ikone des deutschen Widerstands und befreit die Person Sophie Scholl vom sich um sie rankenden Mythos. Es wird deutlich welche Entwicklungen der Charakter der jungen Frau durchmacht, mit welchen Schwächen und Zweifeln sie kämpft, an was sie als Person wächst und welche Einflüsse sie zu der Widerstandskämpferin machen; eine eindrucksvolle Charakterstudie, die neue Aspekte zu Tage bringt, aber auch von Einsteigern in das Thema gelesen werden kann, wozu auch der angenehme Schreibstil beiträgt.

Fesselnde Biografie (5 von 5 Punkten) schreibt C. aus München
Das neue Buch über Sophie Scholl hat mich tief beeindruckt. Die bisherigen Biografien legen den Schwerpunkt auf die Widerstandskämpferin, hier erfährt man mal anhand von Herkunft, Kindheit und Jugend (einschließlich des Engagements in der Hitlerjugend), wie Sophie letztlich Widerstandskämpferin wurde. Die Brautbriefe ihrer Eltern, die Sorgen der Großmutter um "Sofieles Gesundheit", die Schulzeugnisse bis zum Tagebuch und die Briefe an ihre beste Freundin Lisa, an Hans, Inge oder Elisabeth Scholl - sehr viel Unbekanntes, und alles so erzählt, dass ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen wollte. Die Auswertung der Sammlung von Inge-Aicher-Scholl hat viel gebracht. Vor allem werden einem die Personen so richtig lebendig, es werden Menschen aus Fleisch und Blut. Der Respekt vor Sophie Scholls Leistung wird sogar noch größer. Auch Sophies Briefe an ihren Bruder Werner in ihren letzten Lebenswochen waren mir neu. Was Barbara Beuys besonders herausstellt, dass Bildung und Wissen für Sophie Auftrag war, für eine bessere Welt zu sorgen.
Ich finde die Biografie sehr, sehr lesenswert und kann der Zeit, SZ und der FAZ nur zustimmen: es sei "glänzend geschrieben", die Autorin schöpfe "aus bislang unerschlossenen Quellen" und "modelliert bis in die feinsten Seelenverästelungen ein Charakterporträt". Ich habe das Buch gleich mehrmals verschenkt.


Verspricht viel mehr, als es halten kann (1 von 5 Punkten) schreibt n.
"Geschichte ist ungerecht", hat einmal ein ehem. Mitglied der "Weissen Rose" gesagt : Traute Lafrenz. Hat man dieses Buch gelesen, ist man nicht abgeneigt, ihr aus vollem Herzen zuzustimmen.
Zunächst einmal ist prinzipiell jede Publikation über Sophie Scholl und die "Weisse Rose" überhaupt zu begrüßen - von allem, was dienlich ist, diese außergewöhnlich ernsthafte, reflektierende, wache junge Frau und ihre ebenso faszinierenden Freunde im kollektiven Gedächtnis zu bewahren.

Genau hier liegt aber auch das Problem : Schon wieder ein Buch ausschließlich über Sophie Scholl!

Man mag die Hände über dem Kopf zusammenschlagen ob der historischen Ignoranz des Verlages - es hilft nichts. Dieses (vollkommen überteuerte!) Werk reiht sich in die Reihe der Bücher (und des Films) ein, die bereits über Sophie Scholl veröffentlicht worden sind : Briefe, Auszüge aus den Tagebüchern, Interviews mit Zeitzeugen, Monographien, Jugendbücher usw.
Hinzu kommt, daß auch diejenigen Werke, die sich mit der gesamten Geschichte der "Weissen Rose" beschäftigen, den Schwerpunkt immer schon hauptsächlich, z.T. fast ausschließlich auf die Scholl-Familie gelegt haben.
Wie sich die Angehörigen und Nachkommen der Familien Probst, Huber, Graf, Schmorell usw. hierbei fühlen - man mag es nur erahnen.

Wenn das Buch denn wenigstens weltbewegend Neues bieten würde!
GENAU DIESES TUT ES NICHT!
Als "umfassend recherchierte" oder als die "abschließende, alles sagende Biographie" über Sophie taugt dieses Werk nicht.
Gerade einmal drei relativ uninteressante Bildchen sind vorher noch nicht veröffentlicht worden (auf einem ist Sophie gerade einmal als Silhouette erkennbar) und ansonsten ist nichts wirklich Neues dabei, was meines Wissens nach nicht eh schon im Kanon der "Weissen Rose"-Literatur in irgendeiner Weise nachzulesen oder in den Dokumentarfilmen zu sehen ist. Das wenig Neue rechtfertig meines Erachtens nach nicht eine erneute, alleinige Biographie über Sophie.

Nachtrag zu den Bildern :
Wenn die Autorin besser recherchiert hätte! Der Film "DIE WIDERSTÄNDIGEN" macht überdeutlich, wieviel unveröffentlichtes Fotomaterial es über die "Weisse Rose" neben den gut bekannten, ja, berühmten Bildern gibt - nicht ein einziges davon fand Eingang in dieses Buch !!!
Hinzu kommt, daß Frau Beuys sehr viel schreibt und noch mehr behauptet, daß aber die QUELLENANGABEN äußerst wirr anmuten und unvollstänig wirken.
Außer mit der wunderbaren und couragierten Susanne Hirzel hat die Autorin mit KEINEM ZEITZEUGEN gesprochen!!!
Das ist für mich unvorstellbar und nicht nachzuvollziehen!

Wie es sich für eine ehem. Redakteurin beim "Stern" und bei der "Zeit" gehört, geht Frau Beuys äußerst penetrant-kritisch mit der Affinität der Geschwister Scholl zum Katholizismus um.
Frau Beuys insinuiert, daß die beiden sich nur deswegen von der katholischen Kirche angezogen gefühlt hätten, weil sie niemals mit protestantischen Vorbildern wie Bonhoeffer oder Barth bekannt geworden wären... Ach ja ??!
Man könnte hier kurz gegenfragen : Wo sind solche Menschen im großen, großen Umkreis der Scholls gewesen??? Gab es sie ?!?
Es ist überaus müßig, vielleicht auch gewagt, hier etwa auf die bloße Existenz der sog. protestantischen "Deutschen Christen" allein hinzuweisen -
Allzu schnell wird deutlich, wohin solche Umschreibungen der Geschichte und schablonenhafte Überlegungen führen : Sie sind rein spekulativ und fragwürdig, sollen nur dazu dienen, den Lesern die Weltanschauung des Schreibers (der Schreiberin) deutlich zu machen, bzw. aufzudrücken. Und so geht es lehrerinnenhaft weiter :
Willi Graf wird kurz, schnell und pflichtgemäß als kritischer Katholik charakterisiert und als Beleg wird eine Briefstelle herangezogen (eine einzige von sovielen!), in der es ihm um das Christentum allgemein geht. Daß er regelmäßig, nahezu täglich die Hl. Messe besucht hat, wird klammheimlich unter den Tisch gefegt.
Und auch die dramatischen Geschehnisse kurz vor der Hinrichtung der beiden Geschwister wertet die Autorin in die Richtung, daß die Scholls angeblich nur konvertieren gewollt hätten, weil Christoph Probst sich kurz vor seinem grausamen Ende hatte kath. taufen lassen und sie mit ihm gemeinsam die Hl. Kommunion empfangen wollten. Die beiden hätten sich dann aber doch ganz bewußt für den Protestantismus entschieden - wie kann frau angesichts so einer Extremsituation zu solchen Schlußfolgerungen kommen? Den Tod vor Augen, die evangelische Mutter vor Augen, welche über einen Wechsel tief verletzt gewesen wäre und sich darüber sogar in Gegenwart der todgeweihten Geschwister befremdet gezeigt hat?
Zudem hätte die Autorin hier ein wenig psychologisches Fingerspitzengefühl beweisen können und die Ernsthaftigkeit und die geistige Reife und den bisherigen Weg der Geschwister berücksichtigen müssen, bevor sie zu solchen Sch(l)üssen kommt.
Es geht mir nicht darum, für die eine oder andere Kirche Partei zu nehmen (die Mitglieder der Weissen Rose haben vorbildlich ökumenisch gehandelt), sondern möchte ich deutlich machen, wie problematisch es ist, wenn jemand die Geschichte nur aus seiner eigenen, engen Sicht zu sehen vermag und dieses so, fröhlich auf dem Zeitgeist surfend, unter die Leute bringt.

Und eben WEIL die "Weisse Rose" so ökumenisch gehandelt hat, finde ich es verwerflich, nachträglich mit solch fragwürdigen Unterstellungen einen weltanschaulichen Keil hineinzutreiben - wie Frau Beuys es tut.

Alles in allem lohnt der Kauf dieses teuren Buches also nicht.
Interessierte mögen sich an das gut recherchierte (und günstigere!) Taschenbuch von Barbara Leisner halten, an "Das kurze Leben der Sophie Scholl" von Hermann Vinke (dies besonders für Jugendliche), oder an die Briefwechsel der Widerstandskämpferin - herausgegeben von Inge Jens.
Zu empfehlen für die Gesamtgeschichte der "Weissen Rose" sind die Bücher von Richard Hanser ("Deutschland zuliebe" - alt, aber nach wie vor sehr umfassend recherchiert) und die rororo-Monographie von Harald Steffen - und dann auch wieder die oft nur SELBSTVERLEGTEN Bücher über Probst (zu beziehen über das Christoph-Probst-Gymnasium in Gilching), Graf und Huber.
Über Hans Scholl ist noch überhaupt kein Einzelwerk auf Deutsch erschienen! Ebenso wenig über Alexander Schmorell - in der russisch-orthodoxen Kirche wird er wie ein Heiliger verehrt.
!!! Die beiden letzteren sind außerdem die Initiatoren der Weissen Rose gewesen !!!

Dazu muß man nicht mehr sagen -
Peinlich für den Hanser-Verlag.



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