Die Stadt der Blinden

Von José Saramago

Übersetzer: Ray-Güde Mertin
Buch, Taschenbuch, 400 Seiten, 21. Auflage
Erschienen: 1. April 1999
Sprache: Deutsch
Herausgeber: rororo
Verkaufsrang: 17513 (je kleiner desto beliebter)
EAN/ISBN: 9783499224676
ISBN-10: 3499224674
ASIN: 3499224674 (Amazon-Bestellnummer)
Die Stadt der Blinden
In einer unbekannten Stadt in einem unbekannten Land wird ein Mann, der in seinem Auto sitzt und darauf wartet, daß die Ampel auf Grün schaltet, plötzlich mit Blindheit geschlagen. Aber anstatt in Dunkelheit gestürzt zu werden, sieht dieser Mann plötzlich alles weiß, als ob er "in einem Nebel gefangen oder in einen milchigen See gefallen wäre". Ein barmherziger Samariter bietet an, ihn nach Hause zu fahren (um ihm danach das Auto zu stehlen); seine Frau bringt ihn mit dem Taxi in eine nahegelegene Augenklinik, wo er an den anderen Patienten vorbei in das Behandlungszimmer gebracht wird. Innerhalb eines Tages sind die Frau des Mannes, der Taxifahrer, der Arzt und seine Patienten und der Autodieb allesamt Opfer dieser Blindheit geworden. Als die Epidemie sich ausbreitet, gerät die Regierung in Panik und beginnt, die Opfer in einer leerstehenden Nervenheilanstalt unter Quarantäne zu stellen. Dort werden sie von Soldaten bewacht, die den Befehl haben, jeden, der zu fliehen versucht, zu erschießen.
So beginnt die Geschichte des portugiesischen Schriftstellers José Saramago über eine Menschheit im Belagerungszustand. Ein erheblicher Mangel an Absätzen, begrenzte Zeichensetzung und eingeschobene Dialoge ohne Anführungszeichen und Attribute erscheinen im ersten Moment als eine ziemliche Herausforderung, aber dieser Stil trägt tatsächlich zum Spannungsaufbau und zur Einbindung des Lesers bei.
In dieser Gemeinschaft von blinden Menschen gibt es noch ein Paar sehender Augen: die Frau des Arztes hat ihre Blindheit nur vorgetäuscht, um ihren Mann in die Quarantäne begleiten zu können. Als die Zahl der Opfer wächst und das Asyl aus allen Nähten platzt, beginnt die Versorgung zusammenzubrechen: Toiletten laufen über, Lebensmittellieferungen kommen nur noch sporadisch, es gibt keine medizinische Versorgung für die Kranken und keine Möglichkeit, die Toten richtig zu begraben. Zwangsläufig beginnen die gesellschaftlichen Konventionen ebenfalls zu zerfallen - eine Gruppe der blinden Insassen übernimmt die Kontrolle über die schwindende Lebensmittelversorgung und benutzt sie, um die anderen auszubeuten. Währenddessen bemüht sich die Frau des Arztes, ihre kleine Gruppe von blinden Schützlingen zu beschützen, und führt sie schließlich aus dem Asyl in die mittlerweile schrecklich veränderte Landschaft der Stadt zurück.
Die Stadt der Blinden ist in vielerlei Hinsicht ein erschreckender Roman. Er liefert eine detaillierte Beschreibung des totalen Zusammenbruchs der Gesellschaft nach einer überaus unnatürlichen Katastrophe. Saramago treibt seine Figuren bis an den Rand der Menschlichkeit und stürzt sie dann in den Abgrund. Seine Charaktere lernen, in unfaßbarem Schmutz zu leben, sie begehen Akte unbeschreiblicher Gewalt und erstaunlicher Großzügigkeit, die vor dieser Tragödie für sie unvorstellbar gewesen wären. Die gesamte gesellschaftliche Struktur verändert sich, um sich den neuen Umständen anzupassen - einer Welt, in der einst zivilisierte Stadtbewohner zu zerlumpten Nomaden werden, die sich auf der Suche nach Nahrung von Gebäude zu Gebäude tasten. Der Teufel steckt im Detail, und Saramago hat sich für uns eine Hölle ausgemalt, in der diejenigen, die auf der Straße erblindeten, niemals mehr ihr Zuhause finden werden, in der Menschen gezwungen sind, Hühner roh zu verspeisen, und Rudel von Hunden auf der Suche nach Leichen über die kotübersähten Bürgersteige streunen.
Und dennoch, all diesem Horror hat Saramago Passagen von unübertroffener Schönheit entgegengesetzt. Als ihr von drei ihrer Schützlinge - Frauen, die sie niemals sehen konnten - gesagt wird, sie sei schön, "bricht die Frau des Arztes in Tränen aus wegen eines Personalpronomens, eines Adverbs, eines Verbs, eines Adjektivs, bloße grammatikalische Kategorien, bloße Etiketten, genau wie die zwei Frauen, die anderen, unbestimmte Pronomen, auch sie weinen, sie umarmen die Frau des ganzen Satzes, drei Grazien im Regen." Mit dieser einen Frau hat Saramago eine tapfere, vollentwickelte Figur geschaffen, die dem Leser als Augen und Ohren und als das Gewissen der Menschheit dient. Und er hat mit Die Stadt der Blinden eine gehaltvolle, letztlich transzendente Betrachtung geschrieben über das, was es bedeutet, Mensch zu sein. -Alix Wilber

Leserbewertungen:
Im Durchschnitt: 4.0 von 5 möglichen Punkten (insgesamt 99 Bewertungen)

Kommentare von Lesern: (Wiedergabe von Amazon nach dem Web Services Licensing Agreement)
interessant und spannend (4 von 5 Punkten) schreibt e. aus wien
eine tolle geschichte zu einem tollen kurzweiligen buch verarbeitet! saramago schreibt etliche sehr überraschend, packende szenen und gibt viel stoff zum nachdenken und diskutieren.
in die etwas ungewöhnliche sprache liest man sich schnell und leicht ein, aber sie überzeugt mich nicht vollkommen (vielleicht liegt es auch nur an der deutschen übersetzung) - daher nur 4 sterne für ein sonst sehr empfehlenswertes buch!

Von Blindheit geschlagen (5 von 5 Punkten) schreibt G.P. aus Germany
Der Literaturnobelpreisträger José Saramago zählt zu den meist gelesenen portugiesischen Schriftstellern. José Saramagos gesellschaftskritischer Roman "Die Stadt der Blinden" gilt als sein literarisch überzeugendstes Buch.

In dem Roman werden nach und nach alle Einwohner einer Stadt von Blindheit geschlagen. Saramago zeigt in dem Roman die Entwicklungen im Verhalten der Menschen auf und erzählt vom allmählichen Verfall der Moral und der Sitten. Sein gesellschaftskritischer Roman ist eine Parabel auf das Verhalten der Menschen in einer heraufziehenden Ausnahmesituation.

José Saramago beschreibt die Entwicklungen im Verhalten der Menschen nach dem die rätselhafte Krankheit ausgebrochen ist. Mitten in der Stadt erblindet plötzlich ein Autofahrer an einer Ampel. Kurz darauf Passanten, seine Frau, der Arzt - eine Epidemie greift um sich. Der Staat reagiert zunächst brutal, er kaserniert die Kranken, es kommt sogar zu Erschießungen. Schließlich bricht der Staat selbst zusammen, das Ende versinkt in völliger Anarchie.

Da diese Krankheit höchst ansteckend ist, sperrt die Regierung die bereits Erblindeten und alle, die mit ihnen in Kontakt gekommen sind in eine stillgelegte Irrenanstalt. Nach und nach kommen immer mehr Blinde hinzu und während sich die "Weiße Seuche" draußen weiter verbreitet, beginnt in der Anstalt ein Kampf um Leben und Tod. Doch es besteht auch Hoffnung, denn es gibt eine Sehende unter ihnen, die die Krankheit nur vorgetäuscht hat, um bei ihrem Mann zu bleiben.

Die Stadt gleitet ab in eine Welle voller Gewalt. Ein übernervöses Militär arbeitet nur nach Befehl, lässt auch sinnvolle Ausnahmen nicht zu. Unter den Blinden machen sich Hass und Übervorteilung breit - es gilt das Recht des Stärkeren, was unter Anderem in der Erpressung 'Nahrung gegen Vergewaltigung' gipfelt. Einer der Schlüsselsätze ist die Aussage: "Wir waren schon blind in dem Augenblick, in dem wir erblindet sind". Und auch: "Kämpfen war immer mehr oder weniger eine Form der Blindheit".

Einen Kontrast dazu stellt eine Frau dar, die ihre Sehkraft bewahrt hat, darüber vor Angst jedoch schweigt. Als Einzige wahrt sie die Würde und schafft es, für eine kleine Gruppe Blinder die Menschlichkeit zu bewahren.

Saramago beschreibt in seiner Parabel eine Welt, in der die Menschen blind geworden sind. Er macht in seinem Roman die Blindheit zu einer ansteckenden Krankheit, gebraucht aber den Begriff Blindheit im übergeordneten Sinn. Der Leser muss jedoch erstaunt feststellen, dass viele aber schon blind waren, obwohl sie alles sahen.

José Saramagos "Die Stadt der Blinden" ist ein spannend geschriebener gesellschaftskritischer Roman und eine gelungene Parabel über die Einwohner einer von Blindheit geschlagenen Stadt, der zum Nachdenken anregt.

Wer schauen kann, der sehe (5 von 5 Punkten) schreibt K.T. aus Ahaus
In einer unbekannten Stadt erblinden nach und nach immer mehr Menschen. Auch den freundlichen Helfern, die den Erblindeten zur Seite stehen, ergeht es nicht besser. Sie ereilt das gleiche Schicksal. Es ist keine gewöhnliche Blindheit, sondern die Welt erscheint den Probanden weiß.

Der Staat geht von einer Epidemie aus und reagiert mit Ausgrenzung. Die Blinden werden interniert und sich selbst überlassen. Wer sich den Anordnungen des Militärs widersetzt, wird erschossen.

Die Ordnung bricht allmählich zusammen und aus einer einst kultivierten Gesellschaft entwickelt sich ein Horrorszenario. Das gilt nicht nur für die Gewalt des Machtapparates gegenüber den Bürgern, sondern auch für die Verhältnisse der Blinden untereinander im Internierungslager.

Die Blindheit dient dem Autor, so der Eindruck, als Metapher für eine tiefgehende geistige Blindheit. Die Gesellschaft löst sich auf und die Menschen verlieren ihre Moral. Aber ein Hoffnungsschimmer bleibt: So wie auch Diktaturen eine Gegenkraft erzeugen, gibt es unter den Blinden eine Sehende. Sie wird zur Leitfigur und zum Hoffnungsträger einer Gruppe von Blinden.

José Saramago, portugiesischer Literaturnobelpreisträger, stellt die Frage nach dem Kern des Menschseins, nach Gut und Böse und dem, was sich hinter der kultivierten Fassade verbirgt. Dies ist ihm auf beeindruckende Weise gelungen.

Meisterstück (5 von 5 Punkten) schreibt M.M. aus Biberach
Die Stadt der Blinden beherrscht die Kunst, den Leser in die Abgründe der Menschheit zu ziehen, ein wahnsinnig dunkles Loch zu schaffen, in das man hineinfällt, und das teilweise nur schwer zu ertragen ist.
Die Sprache des Autors ist mitreissend, teilweise anstrengend, was das Buch im Allgemeinen noch beklemmender macht.
Die Handlung ist sehr originell, und es spielt keinerlei Rolle warum die Menschen erblinden und warum sie irgendwann ihr Augenlicht widerbekommen.
Was zählt ist der Verlauf der Geschichte. Wie schnell die Würde des Menschen verloren gehen kann, sobald er auf sich allein gestellt ist in einer Gesellschaft in der jeder sich selbst der Nächste ist. Wie schnell man doch der Willkür des Staates ausgesetzt sein kann, wenn es hart auf hart kommt. Wie einfach man seine Moral vergisst, sobald der Rahmen darum wegfällt. Jose Saramago ist aus meiner Sicht einer der besten Schriftsteller, da er sich mit den Grunpfeilern des Menschseins und dessen wahren Charakter auseinandersetzt. Sehr gutes Buch.

nobelpreiswürdig (5 von 5 Punkten) schreibt D.L.K. aus Wien-Salzburg
Saramago hat den Nobelpreis wirklich zu Recht erhalten. Seine ungewöhnlichen Überlegungen, so etwa zum Tod (Eine Zeit ohne Tod), zu kompletten Landverschiebungen samt der Bewohner (Das steinerne Floß) oder zur Blindheit (eben dieses Buch) machen mich sehr betroffen und führen einen auch immer wieder zu den ursprünglichen Menschheitsfragen zurück. Es gibt kein weinerliches Psycho-Geplänkel (Jellinek) oder an den Haaren herbeigezogenes Sex=Grausen=super Geschwafel (Roche), sondern eine klare Reduktion auch wirklich human relevante Probleme. Auch die "Helden" oder "Heldinnen" sind in ihrer Heldenhaftigkeit durchaus angreifbar und stehen nicht einfach nur auf dem Podest.
Grossartig! Und der Mann ist nicht mehr der Jüngste...............


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