Die Stadt der Sehenden

Von José Saramago

Übersetzer: Marianne Gareis
Buch, Taschenbuch, 384 Seiten, 4. Auflage
Erschienen: 1. Oktober 2007
Sprache: Deutsch
Herausgeber: rororo
Verkaufsrang: 20857 (je kleiner desto beliebter)
EAN/ISBN: 9783499240829
ISBN-10: 3499240823
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Die Stadt der Sehenden
Es ist der Alptraum eines jeden Politikers, einer jeden Partei: da ist Wahl und keiner geht hin, schlimmer noch, die Wenigen, die kommen, geben unausgefüllte Stimmzettel ab. Und bei der Wahlwiederholung sind zwei Drittel aller Stimmzettel "leer und weiß". Ein politisches Desaster, das "sich wie eine ihre Zündschnur suchende Bombe durchs Land zieht."
Der portugiesische Literatur-Nobelpreisträger José Saramago bot schon in früheren Büchern einen auffälligen Gegensatz: so wie er lebt, schreibt er, ruhig, fast still, gedämpft, vermeintlich gleichmütig. Aber das, was er schreibt bewegt und erschüttert wie ein alles mit sich reißendes Beben, da wird eine politische Science-Fiktion-Geschichte auf fast 400 Seiten zu einer immer stärker, öfter und eindringlicher an reale Gegebenheiten erinnernden Parabel, bitter-böse, pessimistisch und nicht gerade Hoffnung machend.
Die Regierung, unfähiger denn je, steht mit dem Rücken zur Wand, Spitzel werden ausgeschickt. "Das Wort wird aufgenommen und ebenso das Gefühl. Niemand ist mehr sicher." Mit Verhaftungen, Gewalt, und Folter will man die Ursachen für die alle Parteien gleichermaßen betreffende Wahlschlappe herausfinden. Terror ähnliche Machenschaften durchlöchern langsam aber stetig die saubere, als so demokratisch gerühmte Oberfläche. Attentate, auffahrende Panzer, Demonstrationen verunsichern und destabilisieren das bis dahin so sicher geglaubte Leben. Es gibt Tote. Ein Kommissar soll die Schuldigen für das Versagen des Systems finden. Und da gibt es denn auch schon jemanden, der in Frage kommt, bekannt aus Saramagos beeindruckendem Roman Die Stadt der Blinden. Ein Buch, das kein Muss ist, um den neuen Roman über die Zerbrechlichkeit demokratischen Zusammenlebens, über Hochmut und Macht zu verstehen und außerordentlich wertzuschätzen, aber ein ebenso geniales Buch, dessen Lektüre man auf jeden Fall nachholen sollte!
Zugegeben, ein Saramogo liest sich nicht ganz leicht, endlos scheinende Sätze, oft eher konstruiert denn gedacht, mag man denken. Aber: man liest sich sozusagen in den Fluss ein. Und das geht so schnell, als würde man mitgerissen von einem langsam fließenden Lavastrom, aus dem es einfach kein Entrinnen mehr gibt. Saramago verstrickt den Leser in immer tiefere Nachdenklichkeit, Zweifel kommen auf, Fragen, Erkenntnisse. Mit Lösungen wird die Lektüre nicht versüßt, vielmehr bleiben kritische Betrachtung und Wachsamkeit. Aber: was kann es für mündige Staatsbürger besseres geben? -Barbara Wegmann

Leserbewertungen:
Im Durchschnitt: 3.5 von 5 möglichen Punkten (insgesamt 25 Bewertungen)

Kommentare von Lesern: (Wiedergabe von Amazon nach dem Web Services Licensing Agreement)
Rätselhafte Parallele (3 von 5 Punkten) schreibt D.L.K. aus Wien-Salzburg
Wer "Die Stadt der Blinden" gelesen hat, ist natürlich gespannt, wie die Zusammenhänge mit diesem Roman sein könnten. Es treten einige Personen auf, die wir in der "Stadt der Blinden" kennengelernt haben, doch in einer völlig anderen Funktion. Die Ausgangslage ist relativ einfach wiederzugeben: in einem Land hat die große Mehrheit der Wähler "weiß" gewählt, also keine der wahlwerbenden Parteien. Dieses Verhalten bringt die Regierung derart in Rage, daß sie eine Isolation der Hauptstadt mit den "Weißwählern" beschließt, die Behörden einschließlich Polizei werden abgesiedelt. Doch das erwartete Chaos tritt nicht ein - dies scheint mir die wichtigste Botschaft des Romans zu sein. Die Leute verhalten sich friedlich untereinander, das Leben verläuft in quasi-normalen Bahnen. Dies ist der Regierung jedoch unheimlich, sie schickt "Spione" bzw. Beobachter in die Stadt, um herauszufinden, welche "Verschwörer" dahinter stecken. Schließlich glaubt man, diese in den Protagonisten der "Stadt der Blinden" festmachen zu können und bringt das Tötungsdelikt der Frau des Augenarztes am brutalen Anführer und Vergewaltiger in die Zeitungen. Doch die "Weißen" lassen sich dadurch nicht aufhetzen; der leitende Kommissar der Beobachter schließlich erkennt das Unsinnige seiner "Mission" und informiert die Betroffenen. Der Augenarzt und seine Frau werden "aus dem Verkehr" gezogen. Der Kommissar muß seine Ehrlichkeit allerdings mit dem Leben bezahlen, er wird einfach erschossen.
Für mich ist der Schluß ziemlich unbefriedigend; man erfährt nicht, wie es weitergeht, sowohl das Schicksal der "Weißwähler" als auch die weiteren Maßnahmen der Regierung bleiben unbeschrieben.
Auf alle Fälle wieder ein echter Saramago, der Menschen in eine außergewöhnliche Situation stellt (Zeit ohne Tod, Steinernes Floß etc.) und mögliche Verhaltensweisen beschreibt.
Wegen der teilweisen Unverständlichkeit nur drei Sterne.


Saramago wie immer gut - aber nicht so überragend wie gewohnt (3 von 5 Punkten) schreibt B.H.S. aus wien
Als grosse Saramago-Fan muss ich leider auch, wie so mancher bisher, eingestehen,
dass der ansonsten grandiose Portugiese diesmal einfach zu spät in die Emotion gerät. Es dauert sehr lange, bis man in das Buch reinfindet, vielleicht auch deswegen, weil zuerst die Lage vor allem aus der Perspektive der perplexen und erbosten Politikerkaste erzählt wird und die Gegenseite, also die Bewohner der Stadt, die ja die Betroffenen der staatlichen Repression sind, vorerst so gut wie ausgeblendet wird.
Die letzten 150 Seiten zeigen dann wieder die von Saramago gewohnte Sogwirkung,
ich fürchte aber, dass viele, die den Autor noch nicht kennen hier schon ausgestiegen sind.

Resumee: Für Leser, die mit einem sehr anspruchsvollen Erzählstil Schwierigkeiten haben, rate ich jendenfalls vom Buchkauf ab - auch weil die Geschichte sehr düster ist - obwohl auch soviel Kraft darin verborgen ist.
Und Ausdauer muss man auch mitbringen, um das Finale dieses Buches zu erreichen.
Trotzdem aber wie immer eine äußerst spannende und ungemein nachdenklich stimmende Parabel über die Macht des Einzelnen in finsteren Zeiten.

Die Welt-Klasse von "Die Stadt der Blinden" oder auch "Der Doppelgänger" erreicht das Buch aber meiner Meinung nach nicht.

Keine leichte Kost (4 von 5 Punkten) schreibt L.S.
Was passiert, wenn bei einer demokratischen Wahl eine absolute Mehrheit der Bürger sich der Stimme enthält?
Dieser spannenden Frage geht Saramago in diesem Buch nach, und er entwirft logische wie überraschende Schlüsse, verführt und irritiert den Leser mit Szenarien, die alles andere sind als leicht verdaulich.

Mal abgesehen davon, dass Prosa ohne Absätze, und Dialoge ohne Punkt und (nur mit) Komma nicht jedermanns Sache sind, ist auch die Abhandlung nicht gerade was für oberflächliche Gemüter.
So werden Politiker nicht wirklich personifiziert, sondern lediglich als groteske Stellschrauben in einem entfremdeten Machtapparat dargestellt, und die Bevölkerung ist eine wundersame Masse von Gutmenschen.

Erst gegen Ende entsteht sowas ähnliches wie Beziehungen zwischen einzelnen Menschen, wenn auch nicht wirklich zu Herzen gehend.
Saramago beschränkt sich auf die Mechanismen im politischen Kräftemessen, kühl bis kalt, pessimistisch und beinahe seelenlos.

Kein Buch für Zwischendurch, aber ein mehr als aktueller Appell,
Nichtwähler endlich als eine politische Kraft wahr zu nehmen

Demokratie? (5 von 5 Punkten) schreibt g. aus München
Ich habe die Stadt der Blinden geliebt und bin eben mit feuchten Augen fertig geworden mit der Stadt der Sehenden und bin SEHR beeindruckt. Der Autor sieht auf dem Klappenbild aus wie ein netter Onkel und zerlegt in dem Buch so ziemlich jede alltägliche Norm, die wir da draussen in der Realität vorgesetzt bekommen. Freie Zeitungen? Freie Meinungsäußerung? Demokratie? Ich bin kein subversiver Verschwörungstheoretiker, aber viele Dinge in der Politik und Demokratie sind aktuell nicht besonders vorbildlich - vielleicht können wir es nicht besser, vielleicht aber doch. Genau letzteres glaube ich und glaubt auch Saramago. Ich habe dieses Buch mit dem Willen beendet, weiter daran zu glauben, daß wir es besser können. Wer daran Interesse hat, dem empfehle ich dieses Buch.

Fesselnd und erschreckend (5 von 5 Punkten) schreibt S.D. aus Langenbach
"Die Stadt der Sehenden" ist sozusagen der Nachfolger von "Die Stadt der Blinden". Das Buch ist auch ohne den ersten Teil sehr gut zu verstehen, da es eine eher lose Fortsetzung darstellt. Es ist jedoch für das Verständnis hilfreich, wenn man wenigstens den Inhalt des ersten Teils grob kennt, also beispielsweise aus einer Buchbesprechung. Dies reicht völlig.
Die oft angesprochene schwierige Art in der Saramago schreibt, fand ich persönlich eher hilfreich, da sie nicht nur mehr Aufmerksamkeit beim Lesen erfordert, sondern die ganze Geschichte auch sehr dynamisch erscheinen lässt. Wenn er Dialoge zwischen zwei Personen ohne Anführungszeichen, nur durch Kommata getrennt, in einem Satz darstellt, wirkt das ganze nicht so statisch, sondern viel lebendiger. Und wenn man sich mal an seinen Stil gewöhnt hat, ist das alles kein Problem mehr.
Inhaltlich hat Saramago eine typische "Was wäre wenn"-Geschichte verarbeitet. Die zentrale Frage: Was wäre wenn plöotzlich die Mehrheit der Wähler einen leeren Stimmzettel abgibt und die amtierenden Parteien somit ihre Legitimation verlieren. Die Reaktion der Parteien erscheint erschreckend real und könnte so tatsächlich stattfinden. Und es zeigt, dass auch eine Demokratie unseres Formats eine gewisse Diktatur ist und auch sehr schnell zu totalitären Tendenzen führen kann. Der Staat, eigentlich für die Bürger zuständig und von diesen legitimiert, erkennt nicht, dass er die Bürger zunehmend bevormundet und steuern will. Trotz aller Unwahrscheinlichkeiten des Plots, zeigt die Handlung doch deutlich, was passieren könnte und auch wohl passieren würde. Der Gesellschaft wird sehr schön ein Spiegel vorgehalten und das Buch sollte meiner Meinung nach zur Pflichtlektüre unserer Politiker werden. Das Parteigerangel, Gerangel um Posten, Wählerstimmen etc. werden dauerhaft praktiziert, selbst in der größten Not, in der das Land eine fähige Regierung "für" das Volk bräuchte, beschränkt sich deren Aktivität und Horizont nur auf das eigene Wohl oder das Wohl der Partei. Nach außen hin wird dies jedoch immer unter dem Deckmantel der Demokratie getarnt, und alle Aktionen, selbst die Ermordung von Unschuldigen, werden stets als notwendiges Übel zur Rettung der Gesellschaft vor sich selbst deklariert.
Fazit: Ein sehr gutes Buch, mit erschreckenden, weil nachvollziehbaren Abläufen. Und das erschreckende für unsere Politiker sollte sein, dass wir diese Abläufe wirklich nachvollziehen können und für vorstellbar halten.

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