Du mußt dein Leben ändern: Über Anthropotechnik: Über Religion, Artistik und Anthropotechnik

Von Peter Sloterdijk

Buch, Gebundene Ausgabe, 723 Seiten, 6. Auflage
Erschienen: 24. März 2009
Sprache: Deutsch
Herausgeber: Suhrkamp Verlag
Verkaufsrang: 6587 (je kleiner desto beliebter)
EAN/ISBN: 9783518419953
ISBN-10: 3518419951
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Du mußt dein Leben ändern: Über Anthropotechnik: Über Religion, Artistik und Anthropotechnik
Sind wir heute Zeugen des Abwrackens abendländischer Aufklärung und der machtvollen Wiederkehr der Religion? Oder haben wir uns endgültig im Technikpark des Konsums eingerichtet, in dem Transzendenz nur noch in Slogans von Esoterikanbietern auftaucht? Wenn es nach Peter Sloterdijk geht, lautet die Antwort zwei Mal eindeutig: Nein! In Du musst dein Leben ändern begründet er eindrucksvoll, warum der Gegensatz zwischen Glauben und Unglauben eine Unterscheidung aus der Vergangenheit ist und es heute nur noch eine "einzige Tatsache von universaler ethischer Bedeutung" gibt: die "allgegenwärtig wachsende Einsicht, dass es so nicht weitergehen kann."
Dies ist die Kurzformel für den "absoluten Imperativ", der an Anfang und Ende dieses ehrgeizigen philosophischen Projekts steht und ihm zugleich seinen Titel gibt: Du musst dein Leben ändern. Der Befehl, der im Idealfall zugleich Erkenntnis ist, lautet, im eigenen Leben ernst zu machen mit dem Konzept "Menschheit", ein "Fakir der Koexistenz" zu werden und so mitzuarbeiten am "Projekt eines globalen Immundesigns", dessen Ziel nicht mehr und nicht weniger ist als: Leben.
Wie alle Propheten weiß auch Sloterdijk, dass die Zeit drängt. Bei der unausweichlichen, weil für jede Erkenntnis notwendigen Begegnung mit der Fratze der Apokalypse sind wir auf "Anthropotechniken" angewiesen, auf die "mentalen und physischen Übungsverfahren, mit denen die Menschen verschiedenster Kulturen versucht haben, ihren kosmischen und sozialen Immunstatus angesichts von vagen Lebensrisiken und akuten Todesgewissheiten zu optimieren." Und so bekennt sich Sloterdijk nicht nur "zu dem Kontinuum kumulativen Lernens, das wir Aufklärung nennen", sondern nimmt auch "die zum Teil jahrtausendealten Fäden auf, die uns an frühe Manifestationen menschlichen Übungs- und Beseelungswissens binden". Sloterdijk ordnet und sichtet das Arsenal der Anthropotechnik: von der indischen Teleologie bis zu Kafka, von den Aposteln bis zu Nietzsche.
Das Ideal für die Gegenwart, das sich aus diesem zum Teil atemberaubendem Gang durch Kultur- und Menschheitsgeschichte ergibt, ist "ein Leben in Übungen", das sich der unausweichlichen Überforderung des Menschen durch Tod und Schicksal erkennend und handelnd stellt. Diese Haltung ist für Sloterdijk die einzige Alternative zur "lähmenden Harmlosigkeit sämtlicher gängigen Diskurse", die sich zu fragen scheinen, wie man Arbeitsplätze auf der Titanic sichert, anstatt ihrem Untergang entgegenzuwirken.
Der Philosoph Sloterdijk geht also zum pragmatisch-prophetischen Angriff über. Auch wenn er sich sprachlich und insbesondere metaphorisch ("Schlaflos in Ephesos") manchmal irgendwo zwischen Nietzsche und Luhmann verirrt, ist ihm unbedingt zu wünschen, dass sein Exerzitium lebensbejahenden Stänkerns erstens Gehör findet und er es zweitens noch weiter verfeinert, um noch dunkler und eindringlicher formulieren zu können, was einzugestehen jeden Tag leichter werden dürfte: die Katastrophe hat bereits begonnen. - Roland Große Holtforth, Literaturtest

Leserbewertungen:
Im Durchschnitt: 4.0 von 5 möglichen Punkten (insgesamt 30 Bewertungen)

Kommentare von Lesern: (Wiedergabe von Amazon nach dem Web Services Licensing Agreement)
Mit kokettem Reiz erteilt der Philosoph Sloterdijk weltreformatorische Ratschläge (5 von 5 Punkten) schreibt C.B. aus Bad Nenndorf
Wer mehr an philosophischen Fragen interessiert über die Existenz von uns Menschen interessiert ist, der findet hier die passende Lektüre. Rilke hat diese Überlegungen und den Antrieb zu selbstfindenden Exerzitien zu Beginn des letzten Jahrhunderts in die Form gefasst: "Du musst dein Leben ändern". Eine Stimme im Louvre hat zu ihm gesprochen, daraus ist dann dieses Gedicht "Archaischer Torso Apollos" entstanden, das den Torso, den kopf- und gliederlosen Körper, vollkommen nimmt. In diesem Torso, so Sloterdijk, wird das Prinzip der Naturnachahmung brüskiert.

In seinem ernst gemeinten Plädoyer über die Ausweitung der Übungszone des Einzelnen und der Gesellschaft entwirft Peter Slotendijk unter biologischen, philosophisch, pädagogisch und theologisch fokussierten Aspekten eine neuen Anthropologie vom Menschen. In einer medial vernetzten Welt werden die Mahner all zu leicht zu Wichtigtuern herabgestuft. Sein Werk ist ein Plädoyer für die stete Arbeit des Menschen an sich selbst. Die Selbstbildung des Humanen führt dazu, dass die durch Übung" nach vorgegebenen Trainingsplänen erzielten Höchstleistungen als Aktivitäten unablässig zurückwirken und sowohl zur Verbesserung des Menschen als auch der Welt dienen.

Der Ruf nach permanenter Ego-Veredelung ist das schwer erträgliche Pflichtgebot des 21. Jahrhunderts geworden. Die Regale in den Buchhandlungen sind randvoll mit Ratgeber-Literatur, die Wirtschaft verlangt lebenslange Fortbildung, lebenslanges üben doch die Lage der Welt fordert eigentlich sofortige Umkehr. So einfach ist das jedoch alles nicht, denn dann wären wir sicher schon alle neue Menschen.

Sloterdijks Duktus ist der des Sehers und mit Übung meint er in seiner im Kern vergnüglich-lehrreichen Lektüre all das was erforderlich ist um den Homo Faber als auch das Trugbild des Homo religiosus zu suspendieren. Sloterdijk plädiert dafür das wir in "täglichen Übungen, die guten Gewohnheiten gemeinsamen Überlebens annehmen" und dabei sieht er in Dinge hinein und kommt als Prophet in unzähligen Exkursen, die durch den Übungsbegriff miteinander verflochten sind, zu der wünschenswerten imperativen Erkenntnis dem Nichtgläubigen die Lebenserfahrung und dem Gläubigen die Transzendenz Erfahrung in den Übungseinheiten final zu übermitteln. All diese Übungseinheiten, ob als Gewohnheitstier oder Durchbrecher der Alltagsriten, bestechen nicht nur durch glasscherbenscharfe Plausibilität, sondern auch durch sprachliche Schönheit.



Super Buch ! (5 von 5 Punkten) schreibt P. aus Kassel
Eins scheint klar zu sein: die meisten Rezensionen hier sind geistvoll und die Rezensenten lassen durchblicken, dass sie das Buch verstanden haben.
Nach dem Lesen etlicher Rezensionen habe ich das Gefühl, das Buch gelesen zu haben. Kompliment.
Ich kann jetzt mitreden ohne mir das Buch kaufen zu müssen.
Gleichzeitig folgt hieraus, dass die Rezensionen fast alle zu lang sind.

Zwischen den Stühlen (5 von 5 Punkten) schreibt s. aus gossengrün
Peter Sloterdijk hat über eine Phänomenologie des Übens sein Eintreten für Fleiss, Leistung und das Abmühen aufgedeckt. Das ist angesichts des eigenen Schaffensdrangs und seiner Belesenheit nicht verwunderlich. Er lässt damit seiner Generation die bunten Pluderhosen etwas herunter, in der zuweilen die kultivierte Funktions- Leistungsstörung als Evolution verstanden wird.
Daher der Aufschrei in manchem Feuilleton, der Mann sei reaktionär konservativ geworden. Die konservative Seite findet es auch nicht nur klasse, weil die Änderung eingefordert wird zu den aktuellen Krisen, also auch dezidiert der ökologischen und der wirtschaftlichen. Dabei fällt durchaus ein Name wie Hans Jonas. Das Einrichten im Gemütlichen, der unangestrengten Kunst und einer Schulerziehungskultur ohne Werte und Leistungskultur werden ebenfalls Absagen auf die Zukunftsfähigkeit erteilt. Globalisierte Herausforderungen benötigten gemeinsame Werte und die Zurückdrängung des Hegemoniellen.

Für den Rundumschlag holt er fast 700 Seiten lang aus in einer Detailierung- ja fast Apotheose- des Übens. Artistik, Askese, trainierende Übertreibung und Sport werden behandelt- auch in ihren Auswüchsen. Die vergessene Meisterschaft des lange erlernten Handwerks hat ihren Platz. Eine Aufnahme im Geistigen über 3000 Jahre von den Stoikern über die Brahmanen und östlichen Meister zu christlichen Exercicienleitern der Kirchenväter arbeitet erstaunliche Parallelen heraus.
Nitzsches philologische Kulturleistung begegnet einem ebenso wieder wie das bekannte Arsenal des Autors von Hugo Ball bis Heidegger. Der Titel des Buches, der für sich nahe am Punktabzug wäre, stammt aus einem Gedicht Rilkes, dessen furiose Interpretation alleine schon "das Eintrittsgeld" wert wäre.
Angesichts vergangener Debatten wundern die Hiebe auf die Frankfurter Schule ebenso wenig, wie die kritische Sicht zu Sartres Gulagleugnung und eigener geistiger Leistung. Man könnte noch mehr erzählen, doch lesen Sie lieber selbst! Es lohnt sich.

Wichtiges Buch (4 von 5 Punkten) schreibt F.S.
Sloterdijk geht von einem Rilkezitat aus und beschreibt Denkprozesse von Heraklit ueber Nietsche,Wittgenstei,Foucalt und andere in einer Sprache ,die auch ein Nicht-Philosoph gut verstehen kann.S.beschreibt Denkstroemungen bis zum Sozialismus ,der in seinen Protagonisten Lenin und Stalin den NEUEN MENSCHEN auch durch Vernichtung des Buergers schaffen wollten.Jugendwahn wird beschrieben wie Lager"Kultur"-
Wer sich mit den geistigen Stroemen unserer Zeit auseiandersetzen will,kommt an diesem Buch nicht vorbei.

Hammer!! (5 von 5 Punkten) schreibt K.S.
Ich muss schon sagen, das Buch hat es in sich. Als Laie, der sich gern intellektuell betätigt, bin ich erst auf Seite 24, habe aber derartig viele Denkanstösse erhalten, dass ich das Buch schon jetzt als sehr gut bezeichnen kann. Vieles, was ich fühle und ahne, hat Sloterdijk in Worte gefasst, so dass ich denke, "ja, genauso ist es". Hoffentlich lesen es ganz viele, denn es vermittelt Lässigkeit in Fragen der Religion - kluges Werk!!

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