Die Angst des weißen Mannes: Ein Abgesang

Von Peter Scholl-Latour

Buch, Gebundene Ausgabe, 424 Seiten
Erschienen: 4. November 2009
Sprache: Deutsch
Herausgeber: Propyläen-Verlag
Verkaufsrang: 11937 (je kleiner desto beliebter)
EAN/ISBN: 9783549073315
ISBN-10: 3549073313
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Die Angst des weißen Mannes: Ein Abgesang
"Aus den zu Stein erstarrten Gesichtern der Soldaten spricht immer noch die Wildheit der Steppe.? So klingen zahlreiche Sätze, die der Grandseigneur außenpolitischer Berichterstattung wie in Stein meißelt. Neben Pathos, das Joseph Conrad zur Ehre gereicht, besteht Peter Scholl-Latours Werk aus aufmerksamen Schilderungen und unaufgeregten Analysen. Schließlich schickt der neuzeitliche Entdecker in seiner Chronik des asiatisch-pazifischen Raumes folgenden unsentimentalen Abgesang voraus: "Dieser Reisebericht ist der intensiven persönlichen Erfahrung des Autors gewidmet, dass die dominante Ära des weißen Mannes ihren Endpunkt erreicht hat."
Scholl-Latours klare Gedanken, die er in Ost-Timor, Bali, Ozeanien, Java, China, Kasachstan, Kirgistan sowie auf den Philippinen fasst, werden durch eine Reihe von historischen und geographischen Exkursen ergänzt. Dabei geht es um Barack Obama, die brasilianische Bombe oder Chinas unaufhaltsamen Aufstieg zur Weltmacht. Die Sehnsucht nach dauerhaftem Frieden wiederum empfindet der politische Grenzgänger als romantischen Taumel. Gleichzeitig fragt der ausgebuffte Journalist, ob in einigen Regionen der Welt eine Art aufgeklärter Despotismus einem Mehrparteiensystem mit gefälschten Wahlen vorzuziehen sei.
Wenn Scholl-Latour die Portugiesen Lusitanier oder die Franzosen Gallier nennt oder von "primitiven Stammeshäuptlingen" oder "melanesischen Heiden" in "Insulinde" spricht, sind diese Bezeichnungen bestenfalls als altmodisch einzuschätzen. Wenn Scholl-Latour australische Aborigines als Steinzeitmenschen einstuft, steht er aus Sicht der heutigen Völkerkunde jedoch auf Höhe des Kulturevolutionismus des 19. Jahrhunderts. Neben theoretischen Mängeln ärgern auch Details, etwa wenn Scholl-Latour zwischen ritueller und profaner Anthropophagie nicht unterscheiden will. Genauso wenig wissenschaftlich haltbar sind die immer wieder verlautbarten Biologismen, beispielsweise wenn von der "angeborenen Indolenz der Landbevölkerkung" auf der Insel Timor gesprochen wird oder wenn Darwinismus und Sozialdarwinismus vermengt werden.
Doch auch wenn Peter Scholl-Latours Theoriegebäude baufällig ist ? sein Gespür für die politische Praxis beeindruckt immens. Seine Erfahrungen aus unzähligen Auslandseinsätzen und seine Art, schwierige Zusammenhänge verständlich darzustellen, machen fast alle seine Sachbücher zu Bestsellern. So wäre es sträflich, Sachverstand und Urteilsvermögen des ausgewiesenen Pragmatikers links liegen zu lassen. Das gilt selbst für kritische Geister, die Scholl-Latours Art als Schwadronieren empfinden oder seine Schlussfolgerungen für bizarr. Vielmehr öffnet sein Opus Magnum über die Lage weiter Teile Asiens und Ozeaniens dem Leser einen neuen Horizont ? ganz so wie einst die Logbücher großer alter Entdecker.
? Herwig Slezak

Leserbewertungen:
Im Durchschnitt: 4.5 von 5 möglichen Punkten (insgesamt 17 Bewertungen)

Kommentare von Lesern: (Wiedergabe von Amazon nach dem Web Services Licensing Agreement)
Buchlieferung erfolgreich (5 von 5 Punkten) schreibt S.H.U.C.
Das Buch war preisgesenkt. Die Lieferung kam pünktlich, die Beschädigung am Einband ist zu vernächlässigen. Von meiner Seite gibt es zur Kaufabwicklung und Lieferung keine Neanstandungen.

Er schreibt soooo viel Wahres (5 von 5 Punkten) schreibt B. aus Duisburg
Nur die dekadenten political correctness-Beauftragten aus Berlin werden dieses Buch verdammen und "irritiert" sein über manche Formulierung. Dafür von mir einen Bonus-Stern! Einer der wenigen Deutschen die nach 45 nicht geschichtsblind geworden sind und große Zusammenhänge verstehen. Super Lesestoff!

Unterhaltung mit Lerneffekt (4 von 5 Punkten) schreibt T. aus Mannheim
Das Buch ist in unpraetentioeser, gut verstaendlicher Sprache geschrieben, wobei Reiseerzaehlung, politische Analyse und allgemeine Betrachtungen in der fuer den Autor so typischen, publikumswirksamen Weise vermischt werden, und der Leser am Ende sogar noch etwas lernt. Scholl Latour hat ueber Jahrzehnte hinweg die ganze Welt bereist, und er verfuegt ueber einen Fundus an Erfahrungen, der es ihm erlaubt, sich selbst und dem Leser auch komplexere Zusammenhaenge klar und verstaendlich zu erklaeren. Sein Leib-und Magenthema, schon seit Jahrzehnten, ist das religioese Erwachen der sogenannten 3. Welt, deren demographisches Erstarken und die Gefaehrdung, die sich daraus fuer das Abendland ergibt. Letzteres, geschwaecht von Materialismus, ideologischer Beliebigkeit, Pazifismus und Kinderlosigkeit, sieht nach Meinung des Autors einer duesteren Zukunft entgegen.

Fuer sein neuestes Buch bereiste der 84 jaehrige Zentral- und Suedostasien, ausserdem Australien. Seine Reisebeobachtungen, die er mit eigenen Erlebnissen aus der Vergangenheit vergleicht oder in einen groesseren Zusammenhang stellt, zeigen, wie "der weisse Mann", der noch vor hundert Jahren die ganze Welt beherrschte, immer mehr an Macht und Einfluss verliert. Sicherlich ist das theoretische Geruest des Buches etwas simpel, manchmal, so scheint mir, legt der Autor seinem Gespraechraechspartner in den Mund, was er selber denkt, und er beruecksichtigt auch nur das, was zu seiner Theorie passt. Diese Maengel werden aber wettgemacht von der umfangreichen Bildungs- und Reiseerfahrung des Welterklaerers, seiner scharfen Beobachtungsgabe und Intelligenz, die die Sympthome des Zeitenwandels nicht nur zu erkennen, sondern auch zu deuten und zuzuordnen vermag.

Hin und wieder stilisiert sich der Autor zu einem Helden aus einem Joseph Conrad Roman, etwa an einer Stelle, wo er beschreibt, wie er gerade den Kriegswirren Vietnams entronnen, splitterfasernackt den kuehlenden und reinigenden Fluten des Pazifik entsteigt, nur um gleich darauf Zeuge eines buddhistischen Zeremoniells zu werden, das ihn zu tiefschuerfenden Betrachtungen fuehrt. Ich finde solche Episoden ehr amuesant und viele Scholl Latour Fans waeren sicher auch gerne mal ein romantischer Held aus der Literatur.

Einer der letzten Mahner (5 von 5 Punkten) schreibt G.W.
PSL sorgt dafür, dass später niemand sagen kann, er habe ,,von nichts etwas gewusst.'' Die Berliner Polit-Kasper ignorieren seine Wahrheiten und Weisheiten zwar, aber das wird auf sie zurückfallen. Hoffentlich bald.

andere Perspektive (5 von 5 Punkten) schreibt M.
Wiedermal gelingt es Peter Scholl-Latour auf geniale Art und Weise die Machtverhältnisse der Welt zu erklären. Doch diesmal stehen die Länder Südostasiens im Fokus. Obwohl man diese Länder rein intuitiv für unwichtig gehalten hätte, gelingt es Peter Scholl-Latour auf spanende Weise vor dem Hintergrund der Kolonialzeit die Politik dieser Länder zu erklären. Dabei konzentriert er sich mal wieder nicht nur auf diese Regionen alleine, sondern sieht alle Geschehnisse im globalen Zusammenhang. Dabei wird einem schnell klar, dass die Beschriebenen Länder keinesfalls so unwichtig sind, wie man gedacht hätte. Es wirkt außerdem sehr erfrischend, über Länder zu lesen, von denen man vor kurzem kaum etwas wusste.
Bebilderung und gute Sprache runden das positive Bild ab. Deshalb mein Fazit: eins seiner besten Bücher


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