Heimat aus dem Koffer: Vom Leben nach Flucht und Vertreibung

Von Hilke Lorenz

Buch, Gebundene Ausgabe, 300 Seiten
Erschienen: 1. September 2009
Sprache: Deutsch
Herausgeber: Ullstein TB-Verlag
Verkaufsrang: 34233 (je kleiner desto beliebter)
EAN/ISBN: 9783550087554
ISBN-10: 3550087551
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Heimat aus dem Koffer: Vom Leben nach Flucht und Vertreibung
Bereits im Vorwort macht Hilke Lorenz deutlich, wie vermint und tabuisiert das Thema noch immer ist. Bund der Vertriebenen, Erika Steinbach, Trachtenaufmärsche und Brauchtum, steinerne Mienen, Besitzansprüche. Namen und Begrifflichkeiten, die nicht gerade in die Moderne weisen. Wer sich also des Schicksals der Vertriebenen annimmt, gerät leicht in Gefahr, den Eishauch des Ewiggestrigen, gar des Geschichtsrevanchisten zu verströmen. Fragen nach Kriegsschuld und Sühne, nach Ursache und Wirkung hängen bleischwer im Raum. Nicht so für Hilke Lorenz. Nach Kriegskinder und Weiterleben, als sei nichts gewesen? ist dies der dritte Versuch der Stuttgarter Journalistin, Aufklärung durch Erinnerungskultur zu etablieren.
Stellvertretend für die 14 Millionen Menschen, die die Ostgebiete zwischen 1944 und 1946 durch Flucht oder Vertreibung verlassen mussten (geschätzte 2 Millionen kamen dabei ums Leben), verfolgt Hilke Lorenz zehn Schicksalsstränge, inklusive dem ihrer eigenen schlesischen Familie, die es auf die Schwäbische Alb verschlug. Herausgekommen sind Fallbeispiele bodenloser Abstürze in Heimatlosigkeit und Selbstnegation. Was alle einte, war das Gefühl von Fremdheit, Feindseligkeit und Ausgrenzung durch die eigenen Landsleute. So am Beispiel des Flüchtlingsmädchens Charlotte, die beim Abschlussball der Tanzschule "den Tanzpartner abbekam, mit dem keine andere tanzen wollte?. Noch heute erinnert sich die 75-Jährige an das schnell erlernte "Lügen und Portionieren der Wahrheit?, wenn sie nach ihrer Herkunft befragt wurde. Die Vertriebenen waren gleichwohl doppelt gestraft: Aus dem Osten geflohen, sahen sie sich bald als lästiger Stachel im Fleische eines sich bereits in der Verdrängungsphase behaglich machenden Westens.
Neben allen tragischen Aspekten vollführen Hilke Lorenz? reportagehafte Essays auch einen durchaus farbenfrohen Zeitsprung in die Anfänge der Wirtschaftswunderrepublik und ihres Wiederaufbaus. Die neuerliche Tragik hierbei: Ausgerechnet in der umtriebigen Boomzeit der sogenannten Goldenen Fünfziger wollte man für Kriegsopfer, verlorene Ostgebiete und Vertriebene nur wenig Interesse aufbringen. Hilke Lorenz hat diesen Mangel behoben. Hier hat keine Funktionärin der Vertriebenenverbände gesprochen. Hier wurden nur gebrochene Biografien dokumentiert. Ohne zu klagen - oder gar einzuklagen. Das muss möglich sein. ?Ravi Unger

Leserbewertungen:
Im Durchschnitt: 5.0 von 5 möglichen Punkten (insgesamt 2 Bewertungen)

Kommentare von Lesern: (Wiedergabe von Amazon nach dem Web Services Licensing Agreement)
Einfühlsame Porträts (5 von 5 Punkten) schreibt T.F. aus Stuttgart
Hilke Lorenz hat mit diesem Buch ein einmaliges Zeugnis zur seelischen Befindlichkeit der Vertriebenen geschrieben. Die geschichtlichen Abläufe der Vertreibung aus den deutschen Ostgebieten kommen in ihrem Buch nur am Rande vor - sie schaut vielmehr auf den einzelnen Menschen und fragt, was die Vertreibung mit ihm gemacht hat. Die Antworten sind ebenso erstaunlich wie erschütternd: Hilke Lorenz zeigt, wie diese wenigen Wochen der Flucht den Menschen sein ganzes Leben lang prägen, wie sich das Trauma oft sogar in die zweite Generation hinein fortpflanzt. Der Autorin gelingen überaus sensible und tiefschürfende Einblicke in die Seelenlandschaft der Vertriebenen. Aus subtilen Zeichen, aus kleinen Gesten und unscheinbaren Überresten liest Hilke Lorenz zutiefst berührende Lebensgeschichten. Dieses Buch erzählt deshalb mehr über die tiefen Verletzungen und über die gefühlte Heimatlosigkeit der Vertriebenen als jede historische Abhandlung. Und es würdigt die Leistung der Vertriebenen, sich trotz allem in die deutsche Gesellschaft integriert zu haben, auf sehr menschliche Art. Diese Buch bewegt sich auf der Grenzlinie zwischen Psychologie und Geschichte und ist gerade deshalb so einzigartig. Respekt vor dieser Leistung.

Danke für dieses Buch! (5 von 5 Punkten) schreibt I.R. aus Gelsenkirchen
Wieviel Abneigung erträgt ein Kind, das aufbricht zu einem neuen
Leben ohne Vater, ohne Heimat und ohne lieb gewordene Freunde. Dieses
Buch handelt von Menschen, die nach der sogenannten Stunde Null im
Reich angekommen sind. Damals Kinder, die mit ihren Müttern vertrieben
worden. Jetzt selber Mütter oder Großmütter, die den Mut hatten, Hilke
Lorenz diese grauenvollen Erlebnisse zu schildern. Sie hat in diesem
Buch wunderbar einfühlsam die Erinnerungen niedergeschrieben und den
durch diese Verbundenheit gewordenen Freunde geholfen, endlich ihre
Vergangenheit offen zu bekennen und zu bewältigen. Ich habe dieses
Buch schon zu verschiedenen Anlässen verschenkt und auch Freunden
empfohlen, nicht mit erhobenen Finger Wie gut habt ihr es heute,
sondern zum besseren Verständnis für die Heimatvertriebenen. Eine gute
Idee, einen Teil deutscher Geschichte mit persönlichen Erlebnissen zu
schildern. Ein Muss für jeden an der deutschen Vergangenheit
interessierten Leser. Danke für dieses Buch!

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