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Das Buch liest sich flüssig weg, der Stoff ist spannend, der Krimi gelungen, aber letztlich: es ist eigentlich ein Roman über Algerien, über die Frage, was könnte sein, wenn... "Niemand begreift, warum in einem Land, wo es für groß und klein zu essen und zu trinken gibt, ein ganzes Volk am Hungertuch nagt." Da ist ein Kommissar, der ja kein unbekannter mehr ist, einer, der unbestechlich ist, der sein Land überzeugt liebt und dem es an die Nieren geht, zuzusehen, wie Korruption, Fanatismus, Angst und Terror kein Ende nehmen. Ein Mann, der kein Blatt vor den Mund nimmt und nicht ungefährlich lebt. "Wir dienen nicht einem Land, sondern ein paar Männern." Zu diesen Männern gehört Haj Thobane, "einflussreiche Persönlichkeit", "eine Legende", angesichts derer eine ganze Stadt zum "Schoßhündchen" wird. Mit denen, die nicht auf seinem Kurs schwimmen, geht er nicht zimperlich um. "Erst rückt er seinen Opfern auf die Pelle, dann macht er sie kalt und häutet sie wie ein Karnickel." Dass Lino, der gerade "eine verspätete Pubertätskrise" durchmacht, sich in dessen Mädchen verliebt ist natürlich unverzeihlich. Dann gibt es einen Anschlag auf Thobane und Lino wird verhaftet. Llob ist schon eine besondere Figur, die idealistisch für ein friedliches und friedvolles, aufstrebendes Algerien steht. Manchmal fällt es schwer zu glauben, wie konsequent, gradlinig und unanfechtbar der ?Kommy? ist. Rauhbeinig tritt er auf, schlagfertig und nicht zimperlich ist er, manches lässt ihn kalt "wie eine Scheibe Wurst" und immer bleibt er wachsam "wie eine Scheinheilige, die nicht glauben will, dass alle Gynäkologen impotent sind." Höflichkeit, Diplomatie sind ihm fremd, stur geht er seinen Weg, stochert mit Hilfe einer nicht unattraktiven Journalistin in einer "historischen Dreckbrühe" herum, die "dermaßen zum Himmel stinkt, dass es zum Kotzen ist." Nur unter dem Pseudonym Yasmina Khadra, so heißt seine Frau, konnte Mohammed Moulessehoul schreiben, 2001 ging er mit seiner Familie ins Exil. "Dieses Land macht mich krank" sagt Kommissar Llob und seinen Autor lässt es schon seit vielen Büchern nicht los. So gewinnt das Buch eine ganz besondere Bedeutung durch das faszinierende und beeindruckende Porträt Algeriens, das zwischen den Zeilen eines lebhaften und schauerlichen Krimis liegt.-Barbara Wegmann Leserbewertungen: Im Durchschnitt: 4.5 von 5 möglichen Punkten (insgesamt 6 Bewertungen) Kommentare von Lesern: (Wiedergabe von Amazon nach dem Web Services Licensing Agreement) Wissen als das größte Unglück (4 von 5 Punkten) schreibt s. Inhalt: Der Psychiater Allouche kontaktiert Kommissar Llob, denn eine wichtige Sache brennt ihm unter den Nägeln: ein gefährlicher Serienmörder soll vom Präsidenten begnadigt werden, Llob soll ihn beobachten. Kurz nach der Freilassung des Mannes gibt es bereits einen Toten. Der Chauffeur eines der einflussreichsten Männer Algeriens wird erschossen, Haj Thobane selbst bleibt unverletzt und sinnt auf Rache. Schnell wird ein potenzieller Täter dingfest gemacht: Am Tatort findet sich nicht nur die Dienstwaffe von Llobs Assistenten Lino, der für die Tatzeit kein Alibi hat, sondern dieser hatte auch noch eine Affäre mit der Geliebten Thobanes. Llob begibt sich schließlich auf eigene Faust auf die Suche nach der Wahrheit. Mein Eindruck: Yasmina Khadra nimmt - wie üblich - kein Blatt vor den Mund und prangert die Zustände in seinem Heimatland aufs Schärfste an, kritisiert Politiker, Anschauungen und Überzeugungen. Er berichtet sachlich und fast beiläufig von Folter und Mord und konfrontiert den Leser mit der grausamen Geschichte Algeriens. Seine Protagonisten sind komplex, der Plot lebt von überraschenden Wendungen und unvorhergesehenen Verstrickungen. Dennoch ist der Funke nicht ganz übergesprungen. 'Nacht über Algier' ist ein spannender Krimi, der alles andere als oberflächlich ist, der dem Leser Einblicke in die Geschichte Algeriens gewährt, der fesselt und überrascht, doch es ist meiner Meinung nach nicht das beste Buch des Autors. Mein Resümee: Sehr lesenswert, reicht jedoch nicht an andere Bücher des Autors heran. Ich empfehle eher 'Die Attentäterin', 'Wovon die Wölfe träumen' oder 'Die Lämmer des Herrn'. Ein großartiges Buch (5 von 5 Punkten) schreibt L.D. aus Köln Yasmina Khadra widersetzt sich den klassischen Genres - wer seine Bücher beim Händler sucht, findet sie manchmal unter "Krimi", mal unter "Belletristik" oder "Roman". Und irgendwie stimmt alles: die Reihe um Kommissar Llob, die nach der schon sehr gelobten Algier-Trilogie mit "Nacht über Algier" eine hervorragende Fortsetzung gefunden hat, ist spannend, bietet jede Menge Action, aber eben auch viel Kultur- und Landesgeschichte Algeriens. Und das Angenehmste dabei: Khadra erzählt gradlinig und blumig zugleich, ist nie geschwätzig wie ach so viele der zeitgenössischen Romanciers. Khadra beherrscht das Spiel, seinem Helden Kommissar Llob viele autobiografische Züge zu verleihen - und doch bleibt der Leser distanziert, man mag den "Kommy", aber man mag ihn irgendwie aber auch nicht. Sein unglaublicher Chauvinismus beispielsweise schreckt ab, eine "gebrochene" Figur jenseits des üblichen "Schwarz-Weiß-Denkens" eben. Für mich eine der Entdeckungen des Jahres. Volle Punktzahl!!! Ein Blick aus dem Fenster wird zum Blick in den Spiegel (5 von 5 Punkten) schreibt b. aus Freiburg / Waldshut Wenn man die Erzählung von Yasmina Khadra als reine Kriminalgeschichte nimmt, hat man wahrscheinlich schon Spannenderes gelesen. Dass man, je tiefer man in die Geschichte eintaucht, immer mehr von ihr gefesselt wird und schließlich kaum noch von ihr lassen kann, liegt an der liebevoll ironischen, sehr glaubhaften Darstellung der maghrebinischen Welt und ihrer Mentalität. >Nacht über Algier< setzt insofern die anspruchsvolle Tradition von Camus' >Die Pest< fort - und wie bei Camus erfährt man schließlich mehr über gesellschaftliche Mechanismen, als der bloße Fall zunächst herzugeben scheint - etwa, wenn man am Ende mit dem beklemmenden Gefühl zurückbleibt, dass vielleicht auch bei uns obskure Strippenzieher darüber entscheiden, welche Verbrechen an den Pranger gestellt werden und welche nicht. Man denke nur an die öffentliche >Hinrichtung< von Postchef Zumwinkel, als gleichzeitig andere Wirtschaftskriminelle mehrere Tage Zeit erhielten, ihre Weste zu waschen... Algerische Geschichte als Krimi aufbereitet (5 von 5 Punkten) schreibt b. Sowohl ein Kriminalroman, als auch ein politisches Buch. Die Handlung spielt 1988, greift aber zurück in die Zeit des Nachkolonialismus der frühen Sechziger, in denen es Massaker an den Kollaborateuren mit den französischen Kolonialherren gab. Viele der damaligen Revolutionäre haben sich durch mafiöse Praktiken inzwischen eine goldene Nase verdient und gehören zu den mächtigen Clans, während die Mehrheit des algerischen Volkes mehr und mehr verarmt. Thobane ist einer dieser Mächtigen. Als sich Kommissar Llobs' Assistent Lino mit seiner Geliebten einlässt, wird kurz darauf der Chauffeur Thobanes' mit der Waffe Linos' erschossen. Llob glaubt nicht an Linos' Schuld, obwohl die Indizien gegen ihn sprechen. Erst durch die Ermittlungen der Historikerin Karadach im Umfeld der nachrevolutionären Ereignisse kommt Licht in diesen Fall. Anhand eines Kriminalfalles entfaltet Khadra(Pseudonym)ein Stück Geschichte Algeriens vom Kolonialismus über die Befreiung hin zum Sozialismus arabischer Prägung (Einheitsparteiensystem), an dessen Horizont sich schon das Drama des fundamentalistisch-islamistischen Bürgerkriegs und der verheerenden Massaker abzeichnet. Ein Roman, der nicht zuletzt durch den hervorragenden Stil Khadras' beeindruckt. Ein Traum zerbricht (4 von 5 Punkten) schreibt H.P.R. 1988, Algier ist ruhig und alle langweilen sich in der Mordkommission von Kommissar Llob. Doch die Ruhe trügt. Noch herrscht in Algerien das Einparteiensystem, der "arabische Sozialismus", der von dem Ruhm des Befreiungskrieges gegen die Franzosen zehrt. Aber der ist längst hohl geworden, die Revolutionäre von damals, jetzt satt und reich geworden, bilden eine eigene Herrschaftskaste. Darunter so mancher, der es verstand, den Glanz aus früheren Jahren zu versilbern, während das Volk verelendet, nur noch wenige Stunden am Tag Wasser fließt und auch der Strom fast schon zu einem Luxusgut wurde. Da bandelt ausgerechnet Llobs Assistent Lino mit der Geliebten des allmächtigen Haj Thobanes an. Als der Chauffeur Thobanes mit Linos Pistole erschossen wird, ist allen klar: Lino war der Täter, ein Racheakt, ein Mord aus Leidenschaft. Doch Llob glaubt nicht daran, aber wie soll er das beweisen? Lino hat kein Alibi, war zur Tatzeit stockbesoffen und hat obendrein noch seine Pistole "verloren" - jeder hält diese Aussage für den Versuch, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Da taucht die attraktive Historikerin Soria Karadach auf. Sie untersucht die Ereignisse von 1962/63, als nach dem Abzug der Franzosen deren Handlanger überall gejagt und ermordet wurden. Damals war Thobane Militärchef auf dem Land und bald finden Llob und Soria heraus, dass der Mord eng mit dieser Vergangenheit verbunden ist. Doch Llob war selbst einer der Aufständischen und wer die Guerilla beleidigt, der beleidigt ihn. Keine gute Ausgangsposition, um in dem Geflecht von Lügen, Geschichtsfälschungen und bedrohten Zeugen die Wahrheit zu erfahren. Khadra hat einen Krimi geschrieben, der Algeriens Geschichte von dem Unabhängigkeitskrieg 1954/62 bis hin zum Ende der Herrschaft des "arabischen Sozialismus" spannt. Die Tragödie eines Landes zwischen Moderne und Vergangenheit, zwischen Kolonialismus und westlicher Elite verknüpft sich mit einem Mordfall, in dem immer wieder neue Aspekte auftauchen, nichts sicher scheint, in dem sich am Horizont bereits der islamistische Bürgerkrieg abzeichnet, der aus diesem System wenige Jahre später geboren werden wird und Algerien in ein neues Blutbad stürzt. So entstand nicht nur ein spannendes, sondern auch ein lehrreiches Buch. Schade nur, dass der Verlag zwar ein dreiseitiges Glossar, aber keinen Abriss der Geschichte Algeriens beigefügt hat. Manches bleibt dem Leser so verschlossen. Am Anfang geraten die Figuren ein wenig arg schematisch, der bärbeißige Kommissar, Macho, aber ehrlich bis auf die Knochen, steht den Größen der Macht gegenüber, die durch die Bank korrupt und verdorben sind erst später löst sich dieses Schema ein wenig auf. Aber vielleicht sind in einem solchen System die Mächtigen wirklich nur Schemata, austauschbar, Klone, alle nach dem gleichen Muster gestrickt?
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