Außer Dienst: Eine Bilanz

Von Helmut Schmidt

Buch, Gebundene Ausgabe, 352 Seiten, 15. Auflage
Erschienen: 12. September 2008
Sprache: Deutsch
Herausgeber: Siedler Verlag
Verkaufsrang: 4682 (je kleiner desto beliebter)
EAN/ISBN: 9783886808632
ISBN-10: 3886808637
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Außer Dienst: Eine Bilanz
Eine kürzliche Umfrage ergab, dass, wäre der Mann nicht definitiv zu alt, sich 80 Prozent aller Deutschen Helmut Schmidt als idealen Kanzler vorstellen könnten. Wenn dies, 25 Jahre nach dem Rückzug aus allen politischen Ämtern, keine Auszeichnung ist! Der Altkanzler, dessen unglaublicher 90. Geburtstag bevorsteht, rangiert im Bewusstsein der Deutschen immer noch als Staatsmann par excellence. Und eine solch hochrangige Persönlichkeit erlaubt es sich, eine "außerdienstliche" Bilanzierung seines politischen Erfahrungsschatzes vorzulegen. "Denn", so Schmidt verschmitzt bescheiden, "vielleicht könnte doch einer von den Jüngeren daraus einen Nutzen ziehen." - Nichts wäre mehr zu wünschen, Herr Bundeskanzler!
Eines vorab: Es handelt sich hier nicht um die autobiografische Rückblende auf ein politisches Lebens- und Gesamtwerk. Im Gegenteil. Schmidt, der Pragmatiker, möchte seine in aktiver Zeit gewonnenen Erfahrungen angesichts einer völlig veränderten politischen Weltlage zur Verfügung stellen. Immer im Gepäck, die großen philosophischen Fragen: Welchen Leitbildern sollten wir folgen? Was lässt sich aus Geschichte lernen? Im Spiegel gerade dieser Frage reflektiert der Altkanzler über die Unvorstellbarkeit eines Auslandseinsatzes der Bundeswehr in Afghanistan noch zu seinen Zeiten. Gelegenheit für einen historischen Ausflug und die noch immer problematische Stellung Deutschlands im politisch-militärischen Weltgefüge.
Natürlich holt der Wirtschaftsfachmann Schmidt zu einem satten Referat über die Finanzmärkte aus. Beklagt wird die verschlafene "Modernisierung unseres zerklüfteten Bankensystems", gewarnt wird vor Spekulantentum und Heuschreckenflügen. Betrauert die große Zeit des von der RAF ermordeten Freundes Herrhausen und seiner Deutschen Bank. Institutionen, so Schmidt, an die sich eine Bundesregierung in ökonomischen Fragen noch vertrauensvoll wenden konnte. Wie anders heute. Der Kanzler wird (in Maßen) privat. Erstaunt vernehmen wir, dass Schmidt die "Guillaume-Affäre" als Rücktrittsgrund Willy Brandts im Mai 1974 völlig inakzeptabel fand und ihm die eigene künftige Kanzlerschaft große Sorgen bereitete. Risiken und Chancen der Globalisierung. Der "Sonderfall" der Neuen Bundesländer. Die radikal veränderte Rentensituation, die ebenso radikal veränderte Maßstäbe verlangt. Ein kleiner Seitenhieb auf Lafontaine und seine "Sekundärtugenden". Eine Schulung bei den antiken Rhetorikern. Spurensuche nach eigenen Fehlern. In einem der letzten Sätze seiner klugen Reflexion appelliert der Altkanzler mit einer römischen Weisheit an die heutige Politikerkaste: Im Zweifelsfalle sei das Gemeinwohl höherzustellen als die eigene Karriere. Um schließlich witzelnd, aber nicht ohne Wehmut festzustellen: "Die meisten meiner Weggefährten haben schon endgültig ihre Adresse gewechselt." - Das können Sie sich aus dem Kopf schlagen, Herr Bundeskanzler. Die Republik braucht Sie noch! ?Ravi Unger

Leserbewertungen:
Im Durchschnitt: 4.0 von 5 möglichen Punkten (insgesamt 64 Bewertungen)

Kommentare von Lesern: (Wiedergabe von Amazon nach dem Web Services Licensing Agreement)
Grande!! (5 von 5 Punkten) schreibt D.K. aus Leipzig,Sachsen
Der Inhalt und das Buch gesamt ist einfach umwerfend. Ich habe mich selbst, die Deutschen und das System als Solches besser erkennen und verstehen können. Dank dieser Bilanz erscheint viele Sachen und viele Dinge!!, viel viel klarer und einfacher und auch deutlicher!!. Es ist sehr einfach und sehr verständlich geschrieben. Die Information ist von unschätzbarem Wert. Übrigens, dieses Buch eignet sich bestens auch für ausländische MitbürgerInnen die, endlich mal deutlich und ohne Umschweifen, wirklich verstehen wollen (und schon immer wollten), wie die Deutschen ticken und, wie und was und wo die Wurzeln und die Ursachen liegen von Deutschland-System als solches.
Dieses Buch werde ich nicht weiter verkaufen. Im Gegenteil, die Hörbücher von diesem Buch werde ich an mir wichtigen und sehr wichtigen Menschen verschenken.

Was die Welt zusammenhält (5 von 5 Punkten) schreibt K.H. aus Weyhe-Melchiorshausen
Zugegeben, mein politischer Freund war Helmut Schmidt in seiner aktiven Zeit als Politiker nicht. Und als Sozialminister würde ich mir auch heute keinen Helmut Schmidt wünschen. Doch als Fachmann für volkswirtschaftliche und geostrategische Fragen ist er eine Koryphäe.

Auch wer bisher möglicherweise dachte, die Zusammenhänge von Ökonomie und Demokratie durchschaut zu haben, wird eines Besseren belehrt: Der diskrete Charme der Demokratie wird in kaum einen anderen Buch so deutlich wie in diesem. Erst jüngst ist ein Horst Köhler an den ungeschriebenen Regeln der Politik im Amt als Bundespräsident verzweifelt und hernach gescheitert - für ihn gilt möglicher- und skurriler Weise die neue Gattungsbezeichnung "politikunfähig".

"Wer von der Geschichte nichts weiß, kann seine Gegenwart nicht verstehen", ist die immer wiederkehrende Hauptmaxime Schmidts Erkenntnis.

Denn das politische Geschäft besteht, wie Helmut Schmidt schreibt, aus einer "öffentlichen und einer veröffentlichen Meinung". Auch über diesen Unterschied schreibt der Kanzler a.D. Dezent plaudert er aus dem Bonner Nähkästchen: "Erich Honecker erregte mehrfach beinahe mein Mitleid."

"Demokratie", schrieb neulich der Journalist Christian Nürnberger im SZ-Magazin, "das ist ja nur ein Verfahren, den Kampf aller gegen alle gewaltfrei und nach Regeln zu organisieren." Treffender kann man das kaum schreiben - auch wenn Autor Schmidt das so nicht formulieren würde. Er sagt es auf seine Weise: "Demokratie ist Menschenwerk" - und damit fehlbar. Schmidt nimmt sich da nicht aus und reflektiert offen über eigenes Versagen.

In seinem Bild von Staat und Gesellschaft spielen vor allem "Netzwerke" (ja, Helmut Schmidt nennt die so) eine Rolle, die einen "ewgen Bund flechten". Die Freiheit von Amt und Aufgabe erlaubt es Schmidt auch, rücksichtslos abweichende Meinungen zu formulieren, wie etwa die: "Die politische Kultur der Demokratie, der Gewaltenteilung und des Rechtsstaates ist nur schwer zu verpflanzen." So weit zu den Bemühungen der USA als Weltpolizei.

Die für mich entscheidendste Erkenntnis dieses Buches ist die dezidierte Meinung Schmidts, dass unser "eigentliches außenpolitisches Feld (..) in Europa (liegt), nicht aber im Kaukasus, im Nahen und Mittleren Osten, nicht in Asien oder Afrika (...) Unser Feld sind unsere Nachbarn in Europa, mit denen wir in gutem Frieden leben wollen." Und: "Der islamische Terrorismus kann mit militärischen Mitteln kaum wirksam beendet werden."

Schon Voltaire ließ im Alter seinen Candide sagen "Il faut cultiver notre jardin." Denn: "(...) wo Menschen eng beieinander leben, ist eine gewisse Ordnung nötig."

Ein hochinteressantes Buch, vielleicht ein epochales Werk, auch wenn man nicht alle Einschätzungen teilen möchte. Doch zum Verständnis der Bundesrepublik Deutschland trägt es bei wie kein anderes. Schmidt ist denn auch wohl einer der letzten großen Politiker, denen das Amt eine vom Volk auf Zeit verliehene Aufgabe war. Ihm nimmt man ab, dass es ihm - bei aller narzisstischen Selbstdarstellung und kritischen Distanz zur christlichen Zusatzformel - mit seinem Amtseid ernst war:

"Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe."


sehr informativ (5 von 5 Punkten) schreibt s.a. aus berlin
hallo an alle
dieses buch kann man nur allen empfehlen
gut geschrieben man kann richtig" mitgehen"
es ist auch für absolut jedes alter verständlich,
mit großer u.wachsender begeisterung gelesen.
und auch hier wieder das wohl unvermeidliche lob an amazon(wie davor schon erwähnt)
schon beschrieben)
gruß sabine

Peter Ustinov der Politik (5 von 5 Punkten) schreibt M.B.
In diesem Buch teilt uns Helmut Schmidt seine Sicht der politischen Bühne der Vergangenheit und Gegenwart mit. Man muss mit seinen Ansichten (z.B. Atompolitik, multikulturelle Gesellschaftsentwicklung) nicht immer konform gehen, der offene und pragmatische Umgang mit sozialen, wirtschaftlichen und weltpolitischen Fragen machen Helmut Schmidt mit seinen Kommentaren auch nach seinem Ausstieg aus der aktiven Politik zu einem wichtigen und wertvollen Teil der Öffentlichkeit. Beeindruckend ist auch die Eigenschaft, eigene Fehler einzugestehen und die Analyse mit interessierten Lesern und Zuhörern zu teilen. Das Buch geht, wie in anderen Rezensionen bereits beschrieben, nicht in die Tiefe, gibt aber einen guten Überblick über viele Fragen, die politisch interessierte Menschen beschäftigen. Für mich ist das Werk ein fundierter Beitrag zur persönlichen Meinungsbildung.

Schmidt at its best... (5 von 5 Punkten) schreibt S.L.
Die Bilanz eines langen Politikerlebens. Das Buch zeigt, dass bei Helmut Schmidt die grauen Zellen auch mit über 90 noch bestens funktionieren. Lesenswert!

 Weitere Lesermeinungen

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