Verhöre: Die NS-Elite in den Händen der Alliierten 1945

Richard J. Overy

Buch, Broschiert
Ausgabe vom Mai 2005
Verkaufsrang: 212048 (je kleiner desto beliebter)
EAN/ISBN: 9783548367811
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Verhöre: Die NS-Elite in den Händen der Alliierten 1945 - Richard J. Overy
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Wer wirklich etwas Neues über die jüngere deutsche Geschichte erfahren will, sollte sich an englische Historiker halten. Dies zeigt sich einmal mehr in Richard Overys Buch Interrogations, das ein Jahr nach Erscheinen nun unter dem Titel Verhöre. Die NS-Elite in den Händen der Alliierten 1945 in deutscher Übersetzung vorliegt. Im Eifer der aberhundertfachen Erforschung der Nürnberger Prozesse gegen die Hauptkriegsverbrecher 1945/1946 durch gegenseitiges Abkupfern hatte bisher offenbar niemand den Geistesblitz, dass es logischerweise auch Nürnberger Verhöre gegeben haben muss. Erst der Professor für Zeitgeschichte am Londoner King's College erhob sich von seinem Schreibtisch, um persönlich einen Blick in die Archive zu werfen, wo er prompt über Akten stolperte, die anscheinend seit fast 60 Jahren kein Tageslicht mehr gesehen hatten.
Die darin enthaltenen Protokolle, Dossiers, Korrespondenzen und geheimen Mitschnitte sind sensationell. Allein schon wegen der kürzeren zeitlichen Distanz zum Geschehen könnten sie wesentlich aufschlussreicher und wissenschaftlich wertvoller sein als sämtliche Dokumente der Hauptverhandlungen. Hinzu kommt, dass die repräsentativ ausgewählten Delinquenten in den Zwiegesprächen, in denen es den Alliierten darum ging, sich ein erstes Bild von den tatsächlichen Verhältnissen in Nazideutschland zu machen, wesentlich unverkrampfter Zeugnis ablegten als unter Stress vor dem Militärtribunal. Und nicht zuletzt hatten sich manche von ihnen noch nicht ihrer Verantwortung durch Flucht in geistige Umnachtung oder gar Selbstmord entzogen, wie bald darauf Ex-Außenminister Joachim von Ribbentrop beziehungsweise Reichsorganisationsleiter Robert Ley.
So erfährt man neben den Hintergründen zahlreicher bekannter und weniger bekannter Gräuel auch allerhand Interna und neue Details. Besonders interessant sind Albert Speers Einlassungen, der sich als brillanter Analytiker des Systems erwies und als heimlicher Widerständler outete, der einen Giftgasanschlag auf Himmler, Goebbels und Bormann plante. Einigermaßen bizarr die wahnwitzigen Suaden des zum Gottesglauben geläuterten Ley, der sich mit seiner verstorbenen Frau zu unterhalten pflegte und pseudopaulinische Briefe an das deutsche Volk richtete. Zu Wort kommen auch Hermann Göring, Rudolf Heß, Wilhelm Frick, Franz von Papen, Wilhelm Keitel, Alfred Jodl, Hjalmar Schacht, KZ-Arzt Franz Blaha und Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß.
Dieses hoch spannende und hervorragend kommentierte Buch schlägt ein neues Kapitel in der NS-Forschung auf. Es bleibt zu hoffen, dass die Nürnberger Verhöre, die hier nur zu einem Bruchteil relativ willkürlich in 34 Auszügen wiedergegeben werden, bald in ihrer Gesamtheit dokumentiert werden wie Der Nürnberger Prozeß in der Digitalen Bibliothek. -Roland Detsch
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